Zum Thema "Ehrenbürgerschaft der Stadt Nürnberg für Karl Diehl"

Offener Brief von Daniel Jacoby und Dani Karavan


„Als die Stadt Nürnberg 1993 beschloss, einen internationalen Menschenrechtspreis zu schaffen, hat sie uns, Dani Karavan in seiner Eigenschaft als Schöpfer der Skulptur ,Straße der Menschenrechte' und Daniel Jacoby in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des internationalen Verbandes der Ligen für die Menschenrechte, gebeten, die Schirmherrschaft für dieses Projekt zu übernehmen und es zu organisieren.

Der Oberbürgermeister hat uns damals erklärt, er wolle, dass Nürnberg eine neue Seite aufschlage, sein Image ändere und eine Führungsrolle im Bereich der Menschenrechte übernehme. In der Hoffnung darauf haben wir zugestimmt, allerdings nicht ohne zu zögern. Die Schaffung eines Menschenrechtspreises wurde also zum Zeitpunkt der Einweihung der Straße der Menschenrechte als Antwort auf die öffentliche Verkündung der Rassengesetze in Nürnberg im Jahre 1935 angekündigt.

Wir waren unter diesen Umständen bestürzt, dass die Stadt Nürnberg 1997 den Titel eines Ehrenbürgers an Herrn Karl Diehl verlieh – was wir kurze Zeit nach der Verleihung des Menschenrechts an die Herren K. Chammari und A. Nathan erfuhren. Herr Diehl hat nämlich während der Nazizeit in seinen Werken Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern beschäftigt, was auf jeden Fall eine Verletzung des Artikels 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Artikel 6 und 7 des Internationalen Abkommens über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie eine Beeinträchtigung des Abkommens über die Zwangsarbeit, welches am 28. Juni 1930 von der internationalen Organisation für Arbeit verabschiedet wurde, darstellt.

Wie kann man die Menschenrechte ehren wollen und dabei einen Komplizen der Verletzungen einiger dieser Rechte auszeichnen?

Da wir von der Jury, der wir angehören, zurücktreten wollten, hat uns die Stadt Nürnberg erklärt, dass Herr Professor Benz beauftragt worden sei, einen Bericht über die Aktivitäten von Herrn Diehl während des Zweiten Weltkriegs zu erstellen. Wir haben deshalb zugestimmt, unsere Entscheidung zu verschieben, bis der Bericht veröffentlicht wird. Dieser Bericht ist der Familie Diehl Ende Juli übergeben worden, aber die Familie Diehl hat es abgelehnt, ihn vollständig zu veröffentlichen, vielleicht um dessen Inhalt zu verbergen.

Wir haben dennoch beschlossen, unsere Mitarbeit in der Jury des Internationalen Menschenrechtspreises fortzusetzen, da uns die sehr zahlreichen Briefe, die uns von Nürnberger Bürgern, aktiven Verfechtern der Menschenrechte und offiziellen kirchlichen Stellen zugesandt wurden, beeindruckt haben. Wir halten jedoch daran fest, dass wir die Auszeichnung von Herrn K. Diehl mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Nürnberg als schweren Fehler betrachten.“

 

Verantwortlich:
Rüdiger Löster
http://www.loester.net
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