Der Rückflug
Langsam kehrt das Bewusstsein wieder. Hab ich
geschlafen? Wo bin ich eigentlich? Irgendwo schnarcht jemand, ich höre eine gedämpfte
Unterhaltung. Auf einer Leinwand vor mir flimmert stumm ein Film. Das entfernte Dröhnen
von Flugzeugmotoren arbeitet sich langsam in mein Hirn vor. Oder dröhnt mein Kopf so? Ich
bin auf dem Heimflug. Bangkok - Frankfurt, elf Stunden Flugzeit, ohne Zwischenlandung.
Wann gibt es etwas zu essen? Und Durst habe
ich. Die Zunge klebt am Gaumen. Können die nicht mal die Heizung in diesem Flugzeug
einschalten? Mir ist kalt, sehr kalt. Ich ziehe die Decke fest um meinen Körper, aber sie
wärmt mich nicht. Kalter Schweiß läuft über mein Gesicht, über meinen Rücken, meine
Zähne klappern aufeinander. Auf der Leinwand vor mir wird jetzt die Flughöhe und die
Außentemperatur angezeigt. Vierzig Grad minus. Ich friere, als säße ich draußen.
Wo ist denn die Stewardess? Verdammt,
ich hab doch Durst. Immerhin, ich darf rauchen, fällt mir ein. Ich hab einen
Raucherplatz.
Ich zünde mir eine Zigarette an und schaue
aus dem Fenster. Es ist Nacht, weit unten sehe ich hell erleuchtete Ortschaften.
Gelblichweiße Flecken auf einem schwarzen Hintergrund. Ein Blick auf die Uhr: von der
Flugzeit her müssten wir jetzt irgendwo über Iran oder Irak sein. Oder doch weiter
nördlich? Keine Ahnung. Jedenfalls dauert es noch sehr lange, bis die Maschine in
Frankfurt landet.
Ich
versuche, die Zigarette zu genießen - was mir nicht gelingt - und erinnere mich an die
letzten Stunden meines Urlaubs. Die letzten Stunden einer dreiwöchigen Rundreise. Von
Bangkok zum River Kwai bis an die burmesische Grenze, Übernachtung auf einem Floß. Von
dort nach Norden und dann nach Nordosten weiter, zum berüchtigten Goldenen Dreieck. Mit
dem Longtale-Boot auf dem Mekong, auf Elefantenrücken durch den Dschungel. Durchs
Landesinnere wieder zurück nach Süden, Badeurlaub. Vier Tage Strand, dann zum Flugplatz
in die Hauptstadt. Und da ging es los. Wenige Stunden vor dem Abflug, noch am Hotel-Pool:
Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen. Hundeelend habe ich mich gefühlt. Eine Erkältung,
Scheiß-Klimaanlagen. Das hat gerade noch gefehlt. Die ganze Erholung futsch. Bei der
Fahrt zum Flughafen dann ein Halt an einem Supermarkt. Toll, hier gibts Medikamente
gegen Erkältung! Rezeptfrei. Nur: geholfen haben die Sachen nichts, stelle ich jetzt
fest. Es ist alles unverändert. Nein, eher noch schlimmer. Eigentlich müsste ich jetzt
mal Fieber messen. Oder lieber doch nicht? Haben die überhaupt ein Fieberthermometer an
Bord?
Wahrscheinlich hats mich erwischt,
Malaria. Kann nicht sein, verdränge ich den Gedanken. Ich hab doch schon zwei Wochen vor
dem Urlaub Lariam genommen. Und nie im Urlaub die Einnahme vergessen. Resistente Erreger -
sprach nicht mein Arzt vor der Abreise davon? Davon, dass die meisten Mittel nicht mehr
gegen Malaria helfen?
Und wie war das noch am River Kwai?
Autan auf dem ganzen Körper, langärmliges Hemd, lange Baumwollhose, was habe ich
geschwitzt. Die Stechmücken haben gelacht, richtig frech gegrinst. Sie haben gelacht
über das Autan, Wasser hätte die gleiche Wirkung gehabt. Sie haben gelacht über meine
Hosen, über mein Hemd. Einfach durchgestochen haben sie durch den Stoff. Oder sind sie
irgendwie unter das Hemd, in die Hosenbeine gekrochen? Ich weiß es nicht. So zerstochen
wie am River Kwai war ich mein ganzes Leben noch nicht. Aber ich hab doch Lariam
geschluckt, jede Woche eine Tablette. Ich hab nur eine Erkältung, versuche ich mir
einzureden.
Hat man bei Malaria Halsschmerzen? Ich
drücke die Zigarette aus, sie schmeckt nicht. Auf einigen Nachbarplätzen wird jetzt
geraucht. Sehen die denn nicht, dass ich krank bin? Können die keine Rücksicht nehmen?
Ich will nach Hause, ins Bett...
Als ich das nächste Mal aufwache, dämmert
es draußen schon. Wir sind über Österreich, unter uns kann ich die schneebedeckten
Alpen sehen. Wieder mischt sich das Dröhnen der Motoren mit dem Dröhnen im Kopf.
Gottseidank, es gibt Frühstück, etwas zu trinken. Die Landung, das Warten aufs Gepäck
erlebe ich nur noch wie in Trance. Dann der Weg nach draußen, zum Bahnhof, vorbei an der
Flughafenklinik. Flughafenklinik? Soll ich oder soll ich nicht? Nein! Ich will nach Hause!
Ein heißes Bad, einen Grog, ausschlafen im eigenen Bett, dann geht die Erkältung schnell
wieder vorbei. Der kalte, zugige Bahnsteig, das feuchtkalte Novemberwetter, die Fahrt nach
Nürnberg in einem Zugabteil, das nach kaltem Rauch und wer weiss was sonst noch stinkt,
all das ist ein Traum, ein Albtraum. Ich warte, ich hoffe darauf, aus diesem Traum
aufzuwachen...
Der Arztbesuch am nächsten Tag, das Ergebnis
der Blutuntersuchung einige Tage später: Ja, mich haben Anopheles-Mücken gestochen, ja,
sie haben den Malariaerreger übertragen. Ich darf wieder den Koffer packen, nicht für
den nächsten Urlaub, sondern für das Krankenhaus.
März 2001 |