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25.09.2006 
Beschluss des SPD-Parteirates: Demokratie stärken. Gewalt bekämpfen. Wirksam handeln gegen Rechtsextremismus.

Der SPD-Parteirat hat in seiner Sitzung vom 25. September 2006 folgenden Beschluss gefasst:


In den Landtagswahlkämpfen von Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ist der organisierte Rechtsextremismus zu massiver Einschüchterung und Gewalt gegen Mitglieder demokratischer Parteien übergegangen. Die NPD hat mit Hilfe von gewaltbereiten Sympathisanten Kandidatinnen und Kandidaten der SPD verbal und körperlich bedroht. Öffentliche Veranstaltungen wurden gestört. SPD-Wahlkampfhelfer wurden verfolgt und brutal zusammengeschlagen. Attackiert und eingeschüchtert wurden auch Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen neonazistische Propaganda zur Wehr setzten oder sich über die Politik der SPD informieren wollten. Diese Ereignisse sind ein offener Angriff auf die Demokratie.

Wir appellieren an alle Bürgerinnen und Bürger, sich unserem Engagement gegen den Rechtsextremismus anzuschließen. Priorität haben die öffentliche Auseinandersetzung und die Aktivierung gesellschaftlicher Gegenwehr. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten unterstützen seit vielen Jahren die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen für Demokratie und Toleranz und gegen Rechtsextremismus. Wir klären auf über neonazistische Hetze, über die rechtlichen Möglichkeiten, sich gegen Rechtsextremisten zu wehren, und wir setzen uns ein für die finanzielle Förderung des bürgerschaftlichen Engagements.

Zum Ende dieses Jahres laufen die Förderprogramme Entimon, Civitas und Xenos für Projekte im Kampf gegen Rechtsextremismus aus. In den vergangenen fünf Jahren wurde mit Bundesmitteln viel bewegt - vor allem im Osten Deutschlands. Aber es bleibt noch sehr viel zu tun. Deshalb ist es wichtig, dass sich die SPD durchsetzen konnte, weiterhin den Kampf gegen Rechtsextremismus in den Mittelpunkt zu stellen: Ab dem Jahr 2007 stehen dafür weiterhin 19 Millionen Euro zur Verfügung. Mit einem neuen Programm "Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus" soll die erfolgreiche und viel versprechende Arbeit fortgesetzt und weiter entwickelt werden.

Allerdings sind die mit langjährigem Engagement aufgebauten Strukturen der mobilen Beratung, der Opferberatung und der Vernetzung im Kampf gegen den Rechtsextremismus akut bedroht. Nach Plänen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird die Unterstützung für alle bisher geförderte Projekte zum 1. Juli 2007 eingestellt.

In einer Zeit, in der Rechtsextremisten zur offenen Konfrontation übergehen und sich immer enger vernetzen, droht den Kräften, die ihnen Einhalt gebieten, aus bürokratischen Gründen das Aus. Der SPD-Parteirat fordert Bundesministerin Ursula von der Leyen dringend auf, die Menschen, die sich unter oft schwierigsten Bedingungen für unsere demokratischen Grundwerte einsetzen, nicht im Stich zu lassen. Wie förderungswürdige Projekte ohne große Finanzierungslücke weiter unterstützt werden können, hat die SPD-Bundestagsfraktion in einem überzeugenden Konzept dargelegt.

Wir brauchen eine langfristige Förderung von überregional wirksamen Strukturen, die in den betroffenen Regionen mobil beraten, (potentiellen) Opfern helfen und die vorhandene Kompetenz der Arbeit für Demokratie und Toleranz sichern. Zivilcourage von Bürgerinnen und Bürgern muss weiter fachkundig unterstützt werden. Dafür muss eine eigenständige Förderung gesichert werden. Es ist begrüßenswert, die Kommunen bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus stärker einzubeziehen. Allerdings darf die weitere Förderung der laufenden Projekte nicht von kommunalen Gremien abhängig gemacht werden.

Es ist an der Zeit, wirksam zu handeln und den Rechtsextremismus dauerhaft in die Schranken zu weisen. Wir brauchen dafür einen langen Atem. Unterstützung müssen vor allem die mutigen und engagierten Bürgerinnen und Bürger bekommen, die in ihren Kommunen der Einschüchterung und der Gewalt trotzen und unsere Demokratie stärken.

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Wissen sie, was sie tun?

Ein Mann wurde erschlagen in Dessau. Er hatte Arbeit, war verheiratet, Vater von drei Kindern. Er lebte seit 1980 in Dessau. Für die Täter hatte er einen Makel. Er war Mosambiquaner und seine Haut war schwarz. Die drei mutmaßlichen Täter gaben als Motiv Fremdenhass an.

In Bernburg sammelt die dortige CDU Unterschriften. "Kein Asyl dem Drogendeal." Zwar wird im Kleingedruckten erwähnt, dass natürlich auch deutsche Dealer zur Verantwortung zu ziehen seien - aber die brauchen kein Asyl. Die Schlagrichtung der Bernburger Christenunion ist mehr als eindeutig: Ausländer und Asylbewerber. Und irgendwie haben die doch immer auch... Die dumpfe Ablehnung von Ausländern lässt grüßen.

Nach dem Mord in Dessau fordert der CDU-Landesvorsitzende, "dem Problem der Fremdenfeindlichkeit im täglichen Leben entschlossen entgegenzutreten." (...) In Bernburg freilich schreibt sein Kollege MdL Dr. Spotka zur dortigen CDU-Aktion den folgenschweren Satz: "Man fühlt sich als Fremder im eigenen Haus" und spricht von der "Meinungsdiktatur linkslastiger Entrüstungsaktivisten" über die, die sich über die CDU-Kampagne - völlig zurecht - entrüsten. 
(...)
Die perfide Mischung aber zwischen dem Problem des Drogenhandels und der Asylfrage, wie sie in Bernburg durch die CDU angerührt wird, trägt wahrlich nicht dazu bei, dem "Problem der Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten". Sie setzt vielmehr auf die unterschwellige Angst in der Bevölkerung vor Fremdem. Sei es, weil die CDU auf Stimmenfang an den rechten Rändern geht oder Teilen ihrer Wählerschaft Zucker geben will.
Es muss der CDU - und auch ihren Gliederungen - klar sein, was sie mit einer - gewollten? - Vermengung der Begrifflichkeiten anrichtet. Wissen sie nicht, was sie tun oder wissen sie, was sie tun? Bernburg und Dessau - die Antworten fehlen. Im Stadtpark von Dessau wurde Alberto Adriano erschlagen.

J. Kriesch
Dieser Artikel erschien auf den Regionalseiten des Vorwärts, Ausgabe
07/2000.

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Auszüge aus einem Interview mit Bernd Wagner: "Der Westen sollte sich nicht zurücklehnen"
STERN, 20.06.2000

stern: Der Angolaner Amadeu Antonio war nach der Wende 1990 das erste Opfer rechtsradikaler Totschläger. Das vorerst jüngste Todesopfer ist Alberto Adriano. Hört die Gewalt nicht mehr auf?
Wagner: Ich fürchte nein. Zehn Jahre wurde auf der Stelle getreten, verharmlost, relativiert. Die Hoffnung war, das wird sich schon verwachsen. Doch die Zahl rechtsradikaler Überfälle hat sich auf hohem Niveau stabilisiert. Die Frage ist, ob die Lage weiter eskaliert. (...)
stern: Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste, Versagen von Eltern und Lehrern gelten als Gründe. Treffen diese Muster noch zu?
Wagner: Nein. Im rechten Milieu gibt es keine anderen Probleme als anderswo. Arbeitslose etwa sind da nicht überrepräsentiert. Der eigentliche Grund ist, dass Mythen über den Ausländer oder den undeutschen Deutschen existieren. Alltagsprobleme erhalten eine völkische Einfärbung. Und ökonomische Prozesse werden in ethnisierende Bilder übersetzt. Viele Rechtsextremisten fühlen sich als Herrenmenschen und genießen es.
stern: Haben Sie das Gefühl, dass überhaupt ernsthaft über Ursachen debattiert wird?
Wagner: Viele Menschen begreifen nicht, dass es um eine Ideologie geht. Es werden zum Beispiel Werteverluste für die steigende Zahl von Überfällen verantwortlich gemacht. Das stimmt natürlich auch, ist aber nicht die ganze Wahrheit. (...) Heute noch fordern Mitglieder des Bundestages, dass die Jugendlichen mehr Streetball spielen sollen, damit sie auf andere Gedanken kommen. Das zieht bei strammen Nazis nicht.
stern: Was muss getan werden?
Wagner: Wir müssen uns endlich mit der völkischen Ideologie auseinander setzen. Die intellektuellen Neonazis zum Beispiel thematisieren die Ängste der Leute vor der Globalisierung. Die gucken genau hin, was auf dem Bau passiert. Dass dort Ausländer für Dumping-Löhne arbeiten und die Deutschen mit ihrem Tarifsystem hinterherhecheln. (...)
stern: Was schlagen Sie vor?
Wagner: Wenn der Staat es nicht macht, muss man das eben anders organisieren. (...)  Den Kampf gegen Rechts kann man nicht nur ein paar engagierten Sozialarbeitern überlassen, die fast ohne Ressourcen arbeiten, oder Polizeibeamten. Im Westen sollte sich niemand zurücklehnen: Die rechte Szene hat sich im Osten mittlerweile so gut organisiert, dass sie nun die gewachsenen demokratischen Strukturen im Westen angreifen kann.

Interview: Uli Hauser

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aus:
B. Schröder, Im Griff der rechten Szene
Definition "Rechtsextremistisch"

"Rechtsextremistisch" heißt immer auch rassistisch und antisemitisch, wenngleich die politischen Vorstellungen der jeweiligen Gruppen erheblich differieren können. Dies gilt für Jugendliche, und das gilt auch für alle ultrarechten Gruppen in den neuen Bundesländern. Der Rassismus ist eine Meinung, aber er ist eine Meinung, die ein Verhalten ankündigt und signalisiert. Das Verhalten umfaßt Diskriminierung, physischen Terror und die rechtsextreme politische Organisation. Rassistische Gewalt heißt nicht nur der Angriff auf die physische Unversehrtheit der Person, sondern (...) ein Tun oder Unterlassen, das Lebewesen unter Anwendung von Mitteln des physischen bzw. psychischen Zwangs ihrer Handhabungsmöglichkeiten, Entscheidungsalternativen und Entwicklungsperspektiven beraubt - das unter der Voraussetzung, das Opfer "ethnisiert" zu haben, es durch fiktive biologische oder kulturelle Eigenschaften sozial als minderwertig definiert zu haben.

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Ausländerfeindliche und rassistische Übergriffe in Deutschland - eine unvollständige Aufzählung der bekanntesten Vorfälle:

25. November 1990: Eine Gruppe von Skinheads tritt im brandenburgischen Eberswalde so lange auf den Angolaner Amadeu Antonio ein, bis er sich nicht mehr rührt. Antonio stirbt am 6. Dezember. Im September 1992 verurteilt das Bezirksgericht Frankfurt an der Oder die fünf Haupttäter zu Freiheitsstrafen von bis zu vier Jahren.

1. April 1991: Der Mosambikaner Jorge Gomondai wird in einer Dresdner Straßenbahn von einer Gruppe Skinheads angegriffen und stürzt unter ungeklärten Umständen aus dem fahrenden Zug. Am 6. April erliegt er seinen Verletzungen. Das Landgericht Dresden verurteilt die drei Täter im Oktober 1993 zu Strafen von bis zu zweieinhalb Jahren.

17. September 1991: Rechtsradikale greifen im sächsischen Hoyerswerda unter dem Beifall von Anwohnern ein Ausländerwohnheim an. Die Polizei bekommt die Lage nicht in den Griff, stattdessen werden die Ausländer mit Bussen aus der Stadt gebracht.

22. August 1992: In Rostock-Lichtenhagen greifen Hunderte Gewalttäter mit Steinen, Molotowcocktails und Feuerwerkskörpern eine Aufnahmestelle für Asylbewerber an. Schaulustige bekunden offen Sympathie für die Angreifer, die Polizei schafft es nicht, der Lage Herr zu werden.

1. November 1992: Einen Tag vor Bezug eines Asylbewerberheims im brandenburgischen Dolgenbrodt wird auf die Einrichtung ein Brandanschlag verübt. Die Bewohner des Dorfes sollen Geld gesammelt haben, mit dem rechtsradikale Jugendliche als Brandstifter angeworben worden sein sollen.

12. Mai 1994: In Magdeburg machen Rechtsradikale am "Vatertag" regelrecht Hatz auf Ausländer, dabei werden sechs Afrikaner und Türken verletzt. Am 22. Juli verurteilt das Amtgericht der Stadt drei Rädelsführer zu mehrjährigen Jugendstrafen.

16. Juni 1996: Drei aus Jamaika stammenden Briten, die im brandenburgischen Mahlow auf dem Bau arbeiten, prallen während einer Autofahrt gegen einen Baum, nachdem ihr Wagen von Rechtsextremen mit einem Stein beworfen worden war. Eines der Opfer ist seitdem querschnittsgelähmt. Die beiden Täter werden zu fünf- und achtjährigen Haftstrafen verurteilt.

30. September 1996: Skinheads verletzten einen italienischen Maurer im brandenburgischen Trebbin mit einem Baseballschläger derart schwer am Kopf, dass dieser fortan körperlich und geistig behindert ist. Die beiden Täter werden im April 1997 zu Haftstrafen von acht und 15 Jahren verurteilt.

13. Februar 1999: Auf der Flucht vor einer ihn verfolgenden Skinhead-Bande tritt der Algerier Omar Ben Noui die Glastür zu einem Wohnhaus im brandenburgischen Guben ein und zieht sich tödliche Verletzungen an der Hauptschlagader zu. Die Skinheads, die an der Hetzjagd beteiligt waren, werden am 13. November zu Strafen von bis zu drei Jahren verurteilt.

11. Juni 2000: Drei Skinheads treten in Halle so stark auf den Mosambikaner Alberto Adriano ein, dass dieser drei Tage später an seinen Verletzungen stirbt. Wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt das Oberlandesgericht Halle die Täter zu Jugendstrafen beziehungsweise lebenslanger Haft.

22. April 2001: Der algerische Asylbewerber Mohammed Belhadj wird in der Nähe von Jarmen (Mecklenburg-Vorpommern) von vier Männern erschlagen. Die Täter hatten ihn nach eigener Darstellung auf Drogen angesprochen und in ihr Auto gezerrt. Danach soll es zum Streit gekommen sein.

4. Mai 2002: Ein Spätaussiedler wird im brandenburgischen Wittstock verprügelt, die Täter werfen einen 18 Kilogramm schweren Feldstein auf die Brust des Mannes. Der Aussiedler erliegt am 25. Mai seinen schweren Verletzungen.

Ostern 2006: In Potsdam wird ein Deutscher afrikanischer Herkunft von Rechtsradikalen zusammengeschlagen. Der Familienvater liegt mit lebensbedrohlichen Verletzungen im Krankenhaus. Ernyas M. hatte seiner Frau kurz vor dem Überfall von seinem Handy aus eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Das Gerät zeichnete Teile des Gesprächs zwischen dem Wasserbau-Ingenieur und den Tätern auf. "Hau ab, du Nigger", ist auf der Aufzeichnung zu hören, "wir machen dich platt." Kurze Zeit später bricht das Gespräch ab.

Aktueller Nachtrag, Oktober 2006:

Die rechtsextreme Szene wird immer brutaler. Die Zahl der Straftaten ist in Deutschland enorm angestiegen: Allein in den ersten acht Monaten 2006 gab es 20 Prozent mehr Übergriffe von Extremisten als ein Jahr zuvor. Das Bundeskriminalamt habe von Januar bis Ende August rund 8000 rechte Straftaten registriert, berichtet der "Tagesspiegel" unter Berufung auf das Bundesinnenministerium. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sei dies eine Steigerung um mehr als 20 Prozent. Damit zeichnet sich im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2004 (5127 Straftaten) sogar ein Anstieg um 50 Prozent ab. Gleichzeitig hat auch die Brutalität der Szene zugenommen. Von Januar bis August zählte die Polizei dem Bericht zufolge bundesweit 452 rechte Gewalttaten, bei denen 325 Menschen verletzt worden seien. In den ersten acht Monaten 2005 seien es 363 Gewaltdelikte mit 302 Verletzten gewesen.

 

.Quelle: AFP u. a. 

Literatur zum Thema:

  • Angerstorfer, Dengg
    Rechte Strukturen in Bayern
    BayernForum der
    Friedrich Ebert Stiftung, 2001
  • Burkhard Schröder
    Im Griff der rechten Szene
    Ostdeutsche Städte in Angst
    rororo aktuell 22125
  • Bernd Wagner
    Rechtsextremismus und kulturelle Subversion in den neuen Ländern
    herausgegeben vom Berliner Zentrum für demokratische Kultur
  • Richard Stöss
    Rechtsextremismus im vereinten Deutschland
    Friedrich Ebert Stiftung

 

Verantwortlich:
Rüdiger Löster
http://www.loester.net
http://www.loester-fotografie.de