Wahlkampf
: die erfolge der NPD und die konsequenzen...
7,3
Prozent der
Wähler
verhalfen der NPD nach einem zum Schluss sehr aggressiv geführten
Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern in den Landtag. Bis zu 38
Prozent erreichte sie in einzelnen Ortschaften. Und auch in
Berlin ziehen Rechtsextremisten in einige Bezirksversammlungen
(Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Neukölln, Pankow und
Treptow-Köpenick) ein.
Die
seit Mitte der neunziger Jahre praktizierte Strategie der
„national befreiten Zonen“ scheint für die NPD aufzugehen:
-
·
Kampf um die Straße: durch organisatorische und
ideologische Verzahnung mit den „freien
Kameradschaften.“
Vor zwei Jahren gab die Partei die bis dahin gewahrte
Distanz zur militanten Szene offiziell auf. Schon vorher
hatte man sich angenähert, jetzt bekennt sich das NPD-Präsidium
klar zur "Gesamtbewegung des nationalen
Widerstands".
-
·
Kampf um die Köpfe: durch Auftreten der Kandidaten
in einem Biedermann-Image als der „sympathische
Nachbar“, der „honorige Geschäftsmann“, der Dorf- und
Kinderfeste organisiert
-
·
Kampf um die Parlamente: durch Wahlabsprachen mit
ehemals konkurrierenden Parteien wie der DVU
Neben
den bereits erwähnten aktuellen Wahlerfolgen ist die NPD im Sächsischen
Landtag mit einer Fraktion vertreten, im Brandenburger Landtag
sitzen sechs DVU-Abgeordnete. Und die Erfolge der NPD sind
keineswegs auf die neuen Bundesländer begrenzt – auch wenn
sie dort am deutlichsten zutage tritt. In Bremerhaven gibt es 4
DVU-Abgeordnete, in der Bürgerschaft der Stadt Bremen ist die
DVU mit einem Mitglied vertreten und bereits seit Jahrzehnten
feiert die NPD in Hessen, besonders im Lahn-Dill-Kreis
Wahlerfolge und ist in einigen Gemeinderäten mit Fraktionsstärke
präsent. In Nürnberg gelang es dem bayerischen
Landesvorsitzenden der NPD, mit einem extrem antisemitischen und
ausländerfeindlichen Wahlkampf in den Stadtrat einzuziehen.
Die
NPD-Wähler sind mehrheitlich keine Protestwähler mehr. Der
Rechtsextremismus ist in einigen Regionen in der Mitte der
Gesellschaft angekommen. Die politische Provokation spielte in
den "Republikaner"-Wahlen der Vergangenheit noch eine
Rolle, jetzt aber offenkundig nicht mehr. Vergebens haben
Reporter in der Uckermark oder in Postlow, wo 38,2 Prozent der
Bevölkerung NPD wählten, nach Hakenkreuzen und Sturmtrupps
gesucht. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade
dort die „Freien Kameradschaften“ das Klima beherrschen, die
NPD selbst ist organisatorisch nur schwach vertreten. Militante
Kameradschaften haben für sie das Terrain erobert.
Im Bündnis mit diesen gelangen diese Wahlerfolge, im Bündnis
mit Personen, die auftreten wie früher die SA. Da ist etwas
entstanden, das über das hinausgeht, worüber wir bisher
diskutierten. Schon
jetzt haben es die NPD und die mit ihr verbundenen "Freien
Kameradschaften" geschafft, ganze Landstriche in
No-Go-Areas zu verwandeln, in denen Menschen mit
"fremden" Aussehen (aber auch politische Gegner) gefährdet
sind. Uwe-Karsten Heye (SPD) hat mit seiner kurz vor der WM
ausgesprochenen Reisewarnung für bestimmte Areale in
Ostdeutschland Recht behalten.
Diese
Entwicklung erfordert von allen Demokraten die Stärkung der
Zivilgesellschaft, der Widerstand gegen Nazis ist wichtiger als
der hilflose Versuch, überzeugte Nazis vom Gegenteil zu überzeugen.
Und
vor dem martialischen Auftritt der NPD-Kader, die sich im Osten
mit den "Freien Kameradschaften" praktisch eine eigene
SA-ähnliche Truppe hält, weichen manche Menschen verängstigt
zurück. Man kann das nicht billigen; verstehen kann man es.
Zivilcourage ist eine Lieblingsvokabel in Talkshows und
Sonntagsreden, in manchen Ortschaften aber kostet Zivilcourage
Kraft, sehr viel Kraft. In der „öffentlichen Meinung“
dieser Ortschaften sind dann nicht die Nazis diejenigen, gegen
die man sich wenden muss, sondern diejenigen, die sich dagegen
wehren, werden als „Nestbeschmutzer“ und „Störenfriede“
hingestellt.
Die
Rechtsextremisten beziehen ihr politisches Aktionsmuster direkt
aus der Weimarer Republik; solche politische Härte, die stets
mit brutaler Gewaltandrohung daher kommt, ist man nicht mehr
gewohnt. Im Wahlkampf in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
haben die Neonazis nicht nur Veranstaltungen der politischen
Gegner gesprengt, sie bedrohten die Menschen an den Infoständen,
drängten Kandidat/inn/en demokratischer Parteien ab, verfolgten
sie bis vor die Haustür, schlugen Wahlkampfhelfer der SPD, die
Plakate klebten, zusammen. Massive Einschüchterung aller
demokratischen Parteien und ihrer Wahlkämpfer/innen als
politisches Programm – das aus den Jahren vor 1933 bekannte
Muster.
Und
das Ganze verbunden mit einer Agitation, die sich immer stärker
auf soziale Fragen konzentriert: Arbeitslose, Jugendliche ohne
Ausbildungsplatz, die Hartz IV-Empfänger als Zielgruppe der
Nazis. Sie gebärden sich als Globalisierungskritiker und tun
so, als seien sie die berechtigten Interpreten eines „gesunden
Volksempfindens“. Die Globalisierung wird dabei von ihnen als
Machtmittel einer "judäo-amerikanischen
Weltverschwörung" angesehen. Unter dem Deckmantel
antikapitalistischer Rhetorik wollen die Rechtsextremisten im
Rahmen ihrer Globalisierungskritik die Tradition eines
völkischen, eines nationalen Sozialismus zum Leben erwecken.
Bisher
war nach NPD-Erfolgen die Aufregung immer ein paar Tage groß,
danach gab es wieder andere Schlagzeilen, man ging zur
Tagesordnung über und überließ ihnen damit das Feld. Doch die
NPD fordert die ganze Republik, jeden Demokraten, jede
Demokratin heraus. Früher haben sich rechtsradikale Parteien
wie die Republikaner schnell selbst zerlegt; sie gingen übrigens
nicht am antifaschistischen Protest zugrunde, sondern an der
kleinbürgerlichen Profilierungssucht ihrer Akteure. Doch die
NPD besitzt inzwischen als faschistische Kaderpartei eine ganz
andere politische Konsistenz.
Die
NPD weiß genau, was sie will: Einen anderen Staat. Wie schon
die NDSAP benutzt sie die Parlamente lediglich als Bühne für
ihre Propaganda. Sie will unser „System überwinden".
Deshalb
darf es für diese Feinde der Demokratie keine Freiheit geben,
nirgends und nie!
Wer
NPD wählt, ist kein Protestwähler, sondern wählt Nazis, wählt
ganz bewusst Feinde der Demokratie. Nach zwölf Jahren
faschistischer Herrschaft in Deutschland mit Millionen Toten in
den KZs, mit Millionen Toten durch den von ihnen angezettelten
Krieg kann niemand, der sie wählt, behaupten, er wisse nicht,
wen er da wählt, welche Konsequenzen diese Wahlentscheidung
haben kann!
September/Oktober
2006
Internetseiten
zum Thema:
| Zitiert:
„Natürlich
sind wir verfassungsfeindlich. Wir wollen eine andere
Gesellschaftsordnung“ Uwe
Leichsenring, Parlamentarischer Geschäftsführer
der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, in der FAZ,
21.09.2004
Das
Reich ist unser Ziel, die NPD ist unser Weg!“ Udo
Voigt, NPD-Bundesvorsitzender auf dem NPD-Parteitag am
18./19.03.2000
„...
dann wird es dereinst einen Sternmarsch nach Berlin
geben, und da wird uns keiner dieser Hochverräter mehr
entkommen. Da wird jede Ausfallstraße gesperrt sein.
Barrikaden werden stehen. Dann ist Deutschland wieder
erwacht.“ Neonazi
Dieter Riefling auf einer NPD-Kundgebung am 23.10.2004
|
|
Nachtrag,
13. Oktober 2006:
An einer Schule in Sachsen-Anhalt haben Neonazis einen
16-jährigen Schüler gezwungen, auf dem Schulhof ein Schild vor
sich herzutragen mit der Aufschrift: "Ich bin am Ort das
größte Schwein, ich lasse mich nur mit Juden ein". In der
Nazizeit wurden oft Frauen, die eine Beziehung zu Juden hatten,
gezwungen, ein solches Schild zu tragen.
Ralph
Giordano schreibt dazu in einem Gastkommentar in Spiegel Online:
"Mit diesem Streich, der nicht abgetan werden kann als
jugendliche Sünde, kriegt der deutsche Rechtsstaat seine späte
Quittung für die unglaubliche Nachsicht und Schwäche
gegenüber der Gefahr von rechts. 60 Jahre nach 1945 wird
drastisch klar: Hitler, und was der Name symbolisiert, ist zwar
militärisch geschlagen, aber immer noch nicht geistig, oder
besser ungeistig. Damit steht Deutschland ganz zu Recht am
Pranger einer ungenügend aufgearbeiteten Vergangenheit. (...)
Für diese unglaubliche Schulhofszene ist in erster Linie die
gesellschaftliche Atmosphäre der Erwachsenenwelt verantwortlich
- niemand wird als Judenhasser geboren, der Hass muss ihm
souffliert worden sein. Dass er sich frech entfalten kann, liegt
an einem Merkmal deutscher Geschichte: Mangel an Zivilcourage.
(...) Das Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist mit
seiner NS-Vergangenheit also nicht im Reinen. "
|